Die Vorgeschichte 1967 1967 war Kurt Georg Kiesinger Regierungschef der "Großen Koalition" und deutscher Bundeskanzler. Seine Einladung an den Schah von Persien zum Staatsbesuch in Deutschland löste in Berlin Unruhen aus, die am 2. Juni zum Tod des Benno Ohnesorg führten und infolgedessen zu einer ausufernden Studentenrevolte, zu der bis heute nachwirkenden 68er-Revolution. Diese Vorgänge berührten mich als Zehnjährigen jedoch in keiner Weise, und ich konnte nicht ahnen, dass ich selbst Jahrzehnte später mit diesen weltgeschichtlichen Dimensionen in Berührung kommen würde. Als der wenig später herausgegebene prächtige Fotoband des Burda-Verlags: "Krönung in Teheran - Persiens Kaiserpaar" verramscht wurde, erwarb ich (elfjährig) ein Exemplar davon in der Buchhandlung Aigner in Ludwigsburg, für 5 DM. Ich erinnere mich so genau an den Vorgang, weil ich von den Fotos der Kronjuwelen des Herrscherpaars auf dem Pfauenthron in Teheran fasziniert war. Hier übten Macht und Schönheit eine Wirkung auf mich aus, die wohl jede klassische Burda-Leserin nachvollziehen kann. Gescheiterte Kontaktaufnahme Als ich 1982 anfing, Kunst- und Antiquitätenversteigerungen in Tübingen durchzuführen, lud ich auch öfter brieflich den Altkanzler dazu ein, der inzwischen hier wohnte und als Schöngeist galt. Doch leider ließ er sich nicht zu einem Besuch bewegen. Die Begegnung 1988 Im März 1988 musste ich auf dem Fußweg in meinen Laden am Kupferbau in Tübingen halten, als eine Staatskarosse direkt vor mir vorbeifuhr, darin ein Sarg! Als ich mich umdrehte, sah ich den Stadtfriedhof voll von Trauernden. Am Abend zeigte das Fernsehen den Staatsakt für Kurt Georg Kiesinger auf der Königstraße in Stuttgart. Das war die einzige Begegnung zwischen mir und diesem Staatsmann, in einem Abstand von weniger als einem Meter zu seinem Leichnam. Ich war erschüttert. Der Nachlass Nachdem ich auch daran schon lange nicht mehr dachte, betrat im April 1990 - zwischenzeitlich war ich 33 - eine freundliche Dame mein Antiquariat in der Hafengasse und fragte nach der berühmten pietistischen Darstellung "Vom breiten und vom schmalen Weg". Ich beschaffte die Grafik, die Kundin war hoch zufrieden. Sie wollte nun wissen, ob ich auch Bilder bewerten könne, was ich bejahte. Kurz darauf brachte sie ein Gemälde mit, auf dem prunkvollen Rahmen eine goldene Krone. Ich fragte die Dame, was das bedeute. Sie erklärte, dies sei die Tiara des Papstes. Ich wollte nun wissen, wie sie an das Bild gekommen sei. Sie antwortete: "Das hat ER meiner Mutter geschenkt." Ich: "Wie heißt denn Ihre Mutter?" Sie: "Kiesinger". Schluck! Jetzt nur nicht nervös werden: Die freundliche Person war die Tochter des Exbundeskanzlers und Mutter von "Fröschle", die Älteren werden sich an diesen Medienliebling noch erinnern. Ich nahm den Schätzauftrag an und fand heraus, dass das Bild - typisch Vatikan? - eine Kopie war: Christus Pantokrator nach van Eyck, Wert etwa 5000 DM. Nun wollte die Tochter Kiesingers mir das Bild aus dem Besitz von Papst Paul VI. verkaufen. Sie habe aber noch viel mehr, und ich solle mal in die Engelfriedshalde kommen. So saß ich noch am selben Abend der ehemaligen First Lady gegenüber, Marie-Luise Kiesinger, in dem Sessel, in den so mancher Politiker staatstragend sein Gesäß platziert hatte. Vor Aufregung hatte ich zwischenzeitlich Kopfweh. Die Verkaufsverhandlungen waren dennoch erfolgreich, so dass ich anschließend kubikmeterweise neben viel Wertlosem auch Kostbares aus dem Nachlass des Kanzlers erwarb, darunter die Staatsgeschenke des Kaisers Hirohito von Japan und von Charles de Gaulle. Ferner konnte ich aus Kiesingers Bibliothek sein eigenes Exemplar mit der Nummer 1 einer von ihm selbst veranlassten prachtvollen Buchausgabe zum Staatsbesuch von Königin Elizabeth II erwerben. Zuletzt waren noch die Geschenke des Schahs und seines - später vom Chomeini-Regime hingerichteten - Außenministers Hoveyda, mit deren Besuch anno 1967 ich nun plötzlich auf ganz eigentümliche Weise verwoben war. Der größte Medienrummel meines Lebens Diskretion über das normale Maß hinaus war mit der Familie Kiesinger nicht vereinbart, so dass ich mich nicht verpflichtet sah, die (wertsteigernden) Besitzvermerke auf einzelnen Objekten zu entfernen, wie z.B. auf einem Steuerrad, das die Bundes-CDU "ihrem geschätzten Vorsitzenden" gewidmet hatte. Dies führte dazu, dass der Journalist Philipp Mausshardt mit seinem Artikel im Schwäbischen Tagblatt: "Aus Kiesingers Keller" einen gewaltigen Medienrummel lostrat: Berichte in DIE ZEIT, BILD, Live-Interview in Radio Luxemburg etc. Der Erfolg war u.a., dass ein Käufer unbesehen den Wandschirm des Kaisers Hirohito kaufte, ein Kaufverhalten, das ich in 25 Jahren erst zweimal erlebt habe. Memento mori Etwa ein halbes Jahr später starb auch die ehemalige First Lady, und die faszinierendste Geschichte meiner Laufbahn fand ihr recht trauriges Ende durch meinen Besuch am Grab der beiden Kiesingers.