Gerade bekam ich ein buch herein aus der bibliothek von kurt aigner, der in meiner heimatstadt ludwigsburg die größte buchhandlung besaß. Er war einer der bedeutendsten sammler der stadt, bes. von ludwigsburger porzellan und ansichtsgrafik. Vor 50 jahren lernte mein jung verwitweter vater aigners jung verwitwete tochter kennen. Die tochter aigners wurde meine ziehmutter. Da sie aber etwa 10 jahre älter ist als mein vater und beide zudem nie heirateten (in den 60er jahren ein skandal), missbilligte der alte aigner die beziehung aufs schärfste. So weit ich weiß, hat er mit meinem vater niemals geredet. Das erwähnte buch muss bei seiner tochter gelandet sein, von dort aus bei meinem vater, der es letztes jahr an einen ludwigsburger antiquar verkaufte. Der hatte vorige woche einen bücherstand in tübingen und brachte die unverkauften bücher anschließend mir. Jetzt habe ich das buch aus dem besitz eines mannes, ohne den ich nicht in dieser branche wäre, denn der gegensatz zwischen meinem elternhaus (beide eltern kriegsbedingt geflohen), in dem außer wenigen fotos kein einziges stück aus der familiengeschichte vorhanden war, und den kulturschätzen, die sich im hause aigner angesammelt hatten, könnte kaum größer sein und war für mich unterbewusst attraktiv. Aigners tochter brachte meinem vater also antiquitäten nahe, und als in den 70er jahren der antikboom ausbrach, hängte der seinen lehrerberuf an den nagel und handelte ab da. Und ich in seinem gefolge auch. Der kreis schließt sich, wenn ich nächsten Samstag im hause aigner eine ausstellung mit werken von walter gutbrod eröffne.