1. ARISTOTELES: In seinem Buch "Fisica ingenua" erläutert der Philosophieprofessor Paolo Bozzi eine junge Wissenschaft, die Lehre von der "angeborenen" Physik. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht objektivierende Daten, sondern das erkennende Subjekt. An einem Experiment mit Pendel und schiefer Ebene beweist er, dass die meisten Individuen, ohne es zu wissen, in aristotelischen Kategorien erkennen, die zum Teil zu den galileischen im Widerspruch stehen. Bozzi steht damit nicht nur in einer Jahrhunderte alten Tradition des Common sense, sondern geht zurück zu den Anfängen des philosophischen Denkens, bis zu dem griechischen Homo-Mensura-Satz: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge". Am Beispiel der optischen Täuschungen dokumentiert Bozzi, dass diese keinesfalls Illusionen sind, da sie sich im Experiment mit stets denselben Ergebnissen wiederholen lassen. Seine erkenntnistheoretischen Betrachtungen des erkennenden Subjekts, dessen Sicht der Dinge oft im Widerspruch zur bisherigen Physik steht, führte zur inzwischen staatlich geförderten Einrichtung des Wissenschaftszweigs der angeborenen Physik. Sein Buch ist für wissenschaftliche Fachliteratur erstaunlich persönlich, ja von revolutionärer Subjektivität, und dies im besten Sinne, da er den in den Wissenschaften an den Rand gedrängten Menschen wieder ins Zentrum aller Überlegungen stellt. Bozzi verbindet daher wie selbstverständlich Autobiographisches mit Einzelwissenschaften überschreitenden Überlegungen. Neben der Erfahrung mit Musik spielt dabei vor allem das Buch eine entscheidende Rolle. Das Hören von Musik nämlich, deutlich gemacht an der Qualität eines Geigentons, entzieht sich der wissenschaftlichen Objektivierung fast völlig. So ist diese Erfahrung mit der Musik ein Zeichen für den angemessenen Umgang mit der Wahrheit, ebenso wie die Bücher, in denen sie konserviert ist. 2. ICH: Eines der neun Kapitel ist daher betitelt:"Bücher". Darin beginnt Bozzi mit den Ähnlichkeiten zwischen Tübingen und seiner Heimatstadt Gorizia. In einem schönen Bild vergleicht er die Dächer der Tübinger Altstadthäuser mit Büchern, die umgedreht mit dem Rücken nach oben auf einem Schreibtisch stehen. Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen beiden Städten sei jedoch, daß es in Tübingen Antiquariate gebe, in seiner Heimatstadt nicht. Zunächst erweist der Autor Hermann Hesses Arbeitsstätte am Holzmarkt Reverenz und fährt fort: "Von dort aus einmal nach links, den Berg hinunter, dann nach rechts, kann der Bücherliebhaber ein kurioses Antiquariat voll mit Büchern und anderen Wunderdingen finden, wie Autographen von großen Männern,Briefe, Erstausgaben, Schreibfedern, die irgendein Genie berührt hat (und davon sind einige durch Tübingen gegangen!), Porträts von jungen Philosophen. Hinter der Theke sitzt ein korrekter junger Mann, den man so gut wie gar nicht sieht. Es scheint, als würde er spähen, wer hereinkommt oder wer an den Vitrinen stehenbleibt, in denen man wegen des Staubs und der Fülle der ausgestellten Objekte wenig sieht. Er ähnelt dem jungen Brahms, zu der Zeit, als er Schumann kennenlernte: Er ist blond, hat dieselbe Frisur, dieselbe hohe und reine Stirn. Wenn er sich jedoch erhebt, überragt er Brahms klar um anderthalb Spannen (...) Wenn man die Regale mit den Erstausgaben rechts liegen lässt, die sich schon durch den Preis verbieten, eröffnet sich hinter einem schmalen Gang ein Raum von unglaublicher Geometrie, der einfach voll ist mit alten Büchern. Hier stehen die deutschen Klassiker in Ausgaben von vertrautem Aussehen..." Dann berichtet der Autor, wie er hier eine Ausgabe von Thomas von Aquins "Summa Theologica" gekauft habe, obwohl er schon mehrere besitze, einfach aufgrund ihres Geruchs. "Alle Bücher haben einen Geruch", so leitet er einen süskindschen Exkurs über die verschiedenen Gerüche von Büchern ein.