Einen Schatz zu finden, dieser Traum ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Früher, da haben sie in irgendeiner Truhe eine geheimnisvolle alte Landkarte gefunden, eine Schiffsmannschaft zusammengetrommelt und sind in See gestochen, um auf einer einsamen Insel nach einem vergrabenen Piratenschatz zu suchen – zumindest in Abenteuerromanen wie „Die Schatzinsel“. Heute fahren hochmoderne U-Boote in die Tiefe der Ozeane, um mit ein oder zwei Mann Besatzung auf dem Meeresgrund gesunkene spanische Galeonen mit Kisten voller Golddublonen aufzuspüren. Ein Fall aus der Region zeigt freilich, dass es auch viel einfacher geht, einen Schatz zu finden. So hat Ende des vergangenen Jahres ein Entrümpler aus dem Kreis Reutlingen den Auftrag erhalten, in einer Gemeinde im Steinlachtal das Haus eines Verstorbenen auszuräumen. Dabei soll er einen Koffer des Werkzeugherstellers Hilti gefunden haben, der es in sich hatte: 300 goldene Krügerrand-Münzen wären darin gewesen, heißt es, jede rund 1000 Euro wert. Dass hier diese Geschichte sehr vorsichtig und ohne Ortsangaben erzählt wird, liegt daran, dass niemand der Beteiligten über diesen Vorfall Auskunft geben will. Was nicht daran liegt, dass jemand Angst hätte vor schurkischen Piraten vom Schlag eines einbeinigen Long John Silver aus Robert Louis Stevensons Schatzinsel-Roman. Vielmehr bilden in so einem Fall Finder, Nachlassverwalter und Erbengemeinschaft eine verschworene Gemeinschaft, die 300 000 Euro in Goldmünzen nicht an die große Glocke hängen will. Der Finder, der allen Versuchungen offenbar widerstanden und den Fund der Goldmünzen gemeldet hat, will dem TAGBLATT gegenüber keinerlei Informationen preisgeben und verweist statt dessen auf die Nachlassverwalterin in Reutlingen. Die ist allerdings trotz mehrfacher Versuche nicht erreichbar. Dafür kann Auktionator Thomas Leon Heck, der Nestor der hiesigen Gebrauchtwarenszene, erklären, dass solche Funde in seiner Branche immer mal wieder vorkommen. So habe er mal in Ergenzingen bei einer Schätzung dessen, was der Ehemann bei seiner Flucht aus dem gemeinsamen Domizil zurückgelassen hatte, 60 000 Schweizer Franken in einem Buch gefunden. Eine Musiklehrerin in Tübingen wiederum hatte Schmuck und andere Wertgegenstände in Kissen oder hinter Gemälden versteckt. In einer Woche intensiver Suche entdeckte der Notar 60 000 Mark teure Wertsachen – und übersah dabei sogar noch einen kostbaren Brillantring in einer Zuckerdose. Heck hat außerdem mal im Nachlass einer Reutlinger Fabrikantendynastie im Heizungskeller eine Schuhschachtel gefüllt mit wertvollen Elfenbeinminiaturen entdeckt. In der Regel erhalten die Finder drei Prozent vom geschätzten Wert der Preziosen. Die sollten dem ehrlichen Entrümpler im Falle der jüngst entdeckten Goldmünzen sicherlich auch zustehen. Doch auch dazu möchte der Mann, der wohl den Schatz im Hiltikoffer aufgespürt hat, keine Aussage machen – von ihm ist dazu lediglich zu hören: „Fragen Sie die Nachlassverwalterin!“ So lange diese freilich nicht zu sprechen ist, kann nur gehofft werden, dass der tadellose Finder für seine Aufrichtigkeit auch honoriert worden ist. (Schwäb. Tagblatt v. 15.7.2014)